110 Jahre Fabrik Tessenow – 5 Jahre KULTES e.V.
Alte Mauern. Neue Ideen. Eine gemeinsame Zukunft.
Im Jahr 2026 treffen in Tessenow zwei besondere Jubiläen aufeinander: Die ehemalige Kartoffelflockenfabrik blickt auf 110 Jahre Geschichte zurück. Gleichzeitig feiert der gemeinnützige Kulturverein KULTES – Kulturfabrik Tessenow e.V. am 16. Oktober sein fünfjähriges Bestehen.
Zwei Jubiläen, die Vergangenheit und Zukunft miteinander verbinden. Denn seit der Vereinsgründung 2021 geht es nicht allein darum, ein historisches Gebäude zu erhalten, sondern auch darum, kulturelles Leben, Bildung und gemeinschaftliches Engagement in der Gemeinde Ruhner Berge zu fördern.
Ein Gebäude mit Geschichte
Als die Kartoffelflockenfabrik 1916 entstand, war Tessenow noch wesentlich stärker durch die Landwirtschaft geprägt. Im Laufe der Jahrzehnte erlebte das Gebäude unterschiedliche Nutzungen und gesellschaftliche Veränderungen. Neben seiner industriellen Funktion beherbergte es unter anderem eine Schmiede, Wohnungen und eine Betriebskantine.
Bereits 1954 wurde mit dem sogenannten „Kleinen Saal“ ein Raum für Veranstaltungen, Dorffeste und kulturelle Begegnungen geschaffen. Die Fabrik war damit über viele Jahre nicht nur Arbeitsplatz, sondern auch ein Stück gesellschaftlicher Mittelpunkt.
Nach der Einstellung der verbliebenen Nutzungen geriet das Gebäude zunehmend in Vergessenheit. Seine Geschichte blieb jedoch erhalten – und mit ihr die Möglichkeit, diesem besonderen Ort eine neue Perspektive zu geben.
Fünf Jahre zwischen Ideen und Wirklichkeit
Mit der Gründung von KULTES e.V. am 16. Oktober 2021 begann ein neuer Abschnitt. Die Idee einer Kulturfabrik mit Raum für Musik, Kunst, Handwerk, Bildung und Begegnung sollte langfristig Wirklichkeit werden.
Da die bauliche Wiederherstellung eines solchen Gebäudes erhebliche Zeit und finanzielle Mittel erfordert, entwickelte sich die Vereinsarbeit zunehmend auch außerhalb der Fabrikmauern.
Ein sichtbares Beispiel ist die im Juni 2024 eröffnete KULTES-Bücherzelle in der Rotdornallee. Gemeinsam mit der angrenzenden Leseecke, den Pflanzaktionen und der weiteren Gestaltung des öffentlichen Umfeldes ist hier ein frei zugänglicher Ort entstanden, der Literatur, Natur und Begegnung miteinander verbindet.
Mit dem KULTES Musiksommer gelang es zudem, international tätige Gitarrenkünstlerinnen für Konzerte in der Region zu gewinnen. Das erste Konzert mit Stephanie Jones im Jahr 2024 und die Fortsetzung mit Karmen Štendler im August 2026 in der Kirche Suckow stehen beispielhaft für den Anspruch, anspruchsvolle Kultur auch abseits der größeren Städte erlebbar zu machen.
Weitere Initiativen beschäftigen sich mit Ortsgeschichte, Natur, gemeinschaftlicher Gestaltung und neuen Möglichkeiten kultureller Teilhabe. Dabei entstanden Kooperationen mit regionalen Einrichtungen, Vereinen und Förderinstitutionen. Auch die Unterstützung durch Stiftungen und Förderprogramme eröffnete Möglichkeiten, die mit den begrenzten eigenen Mitteln des Vereins nicht zu verwirklichen gewesen wären.
Nicht jedes dieser Vorhaben ist bereits abgeschlossen. Manche Entwicklungen benötigen mehrere Jahre, andere beginnen zunächst mit einer kleinen Idee.
Nicht alles gelingt – und nicht alles läßt sich erzwingen
Zu einem ehrlichen Rückblick gehören auch die Herausforderungen.
Der für 2025 vorgesehene zweite KULTES Musiksommer konnte nicht stattfinden. Solche Unterbrechungen sind bedauerlich, verdeutlichen aber zugleich, wie anspruchsvoll die Organisation kultureller Angebote unter ehrenamtlichen Bedingungen sein kann.
Noch grundsätzlicher stellt sich die Frage, wie Menschen dauerhaft für die Kulturarbeit gewonnen werden können, wenn selbst einst engagierte Vorstandsmitglieder schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit die Geduld verlieren und sich aus der aktiven Verantwortung zurückziehen. Gerade die Entwicklung eines historischen Fabrikgebäudes zu einem lebendigen Kulturort verlangt jedoch Ausdauer, Verläßlichkeit und die Bereitschaft, auch längere Phasen ohne unmittelbar sichtbare Erfolge mitzutragen. Wenn diese Kontinuität fehlt und sich zugleich nur wenige neue Mitstreiter finden, konzentriert sich die Verantwortung zwangsläufig auf immer weniger Schultern.
Zwar erfahren die Projekte immer wieder Zuspruch, doch zwischen Interesse, gelegentlicher Unterstützung und kontinuierlicher Mitarbeit liegt ein erheblicher Unterschied. Die Zahl derjenigen, die regelmäßig Verantwortung übernehmen, eigene Ideen verwirklichen oder organisatorische Aufgaben tragen möchten, ist weiterhin gering.
Damit konzentriert sich ein großer Teil der Vereinsarbeit auf wenige Schultern. Planung, Förderanträge, praktische Arbeiten, Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungen lassen sich jedoch auf Dauer nicht beliebig ausweiten.
Gerade im ländlichen Raum ist freiwilliges Engagement keine Selbstverständlichkeit. Unterschiedliche Lebensumstände, berufliche Verpflichtungen und persönliche Interessen setzen der verfügbaren Zeit Grenzen.
Dennoch bleibt die Erkenntnis, daß kulturelles Leben nicht allein durch finanzielle Förderung oder gute Konzepte entsteht. Es braucht Menschen, die sich einbringen und Verantwortung übernehmen.
Und trotzdem: Es geht weiter!
Fünf Jahre KULTES zeigen, daß auch unter herausfordernden Bedingungen mit nur wenig Mitgliedern etwas entstehen kann.
Die Bücherzelle wird genutzt, die Leseecke entwickelt sich weiter, Konzerte finden ihr Publikum und neue Vorhaben nehmen Gestalt an. Aus einzelnen Ideen sind inzwischen sichtbare Bestandteile des örtlichen Lebens geworden.
Nicht alles geschieht so schnell wie ursprünglich erhofft. Und die ehemalige Fabrik selbst bleibt eine langfristige bauliche und finanzielle Herausforderung.
Doch der Wert ehrenamtlicher Kulturarbeit bemißt sich nicht allein an Mitgliederzahlen, Veranstaltungsstatistiken oder der Geschwindigkeit, mit der Projekte abgeschlossen werden.
Er zeigt sich auch darin, ob neue Möglichkeiten entstehen, ob Menschen miteinander in Verbindung kommen und ob ein Ort durch kleine, beständige Veränderungen an Lebensqualität gewinnt.
Dank und Ausblick
Das fünfjährige Bestehen ist daher vor allem Anlaß, den Menschen und Einrichtungen zu danken, die diese Entwicklung ermöglicht und begleitet haben.
Unser Dank gilt allen Mitgliedern, Förderern, Spendern, Künstlern, Kooperationspartnern und ehrenamtlichen Helfern, die sich mit Zeit, Ideen, finanziellen Mitteln, Sachspenden oder praktischer Unterstützung eingebracht haben.
In den kommenden Jahren sollen bestehende Angebote verstetigt, neue Projekte entwickelt und weitere Möglichkeiten zur gemeinschaftlichen Nutzung geschaffen werden. Die langfristige Perspektive bleibt dabei die Wiederbelebung der historischen Fabrik als Kultur- und Begegnungsort.
KULTES möchte weiterhin Menschen ansprechen, die sich für Kultur, Geschichte, Natur, Handwerk und das Leben in der Region interessieren – unabhängig davon, ob sie sich regelmäßig engagieren oder ein einzelnes Vorhaben unterstützen möchten.
Denn auch nach fünf Jahren gilt:
Eine lebendige Kulturfabrik entsteht nicht allein aus alten Mauern und neuen Ideen, sondern vor allem durch Menschen, die bereit sind, etwas daraus zu machen.
110 Jahre Fabrikgeschichte sind ein beeindruckendes Erbe. Fünf Jahre KULTES sind ein Anfang. Was daraus in Zukunft entsteht, bleibt offen – und gerade deshalb lohnenswert.
KULTES – Kulturfabrik Tessenow e.V.
16. Oktober 2026
